Jane Austen Goes to the Movies

Die «Austenmania» des Kinos

 

Von Barbara Straumann

 

Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass Jane Austen nicht immer Teil des kulturellen Kanons war. Dass Austen ihre anonym veröffentlichten Romane an einem winzigen Tisch im Wohnzimmer der Familie schrieb und ihre Manuskripte vor Besuchern zu verstecken pflegte, lässt sich mit dem kulturellen Kapital, das sie heute geniesst, kaum vereinbaren. Ihre heutige Popularität verdanken Austens Romane nicht zuletzt ihren zahlreichen Fernseh- und Kinoverfilmungen.

 

Unvergessen bleibt beispielsweise das spontane Bad, das sich Colin Firth als Mr. Darcy in der legendären BBC-Serie «Pride and Prejudice» (1995) im grossen Teich auf seinem herrschaftlichen Anwesen Pemberley gönnt – eine Szene, die eine veritable «Darcymania» auslöste. Denn sowohl Elizabeth Bennet (Jennifer Ehle) als auch die Zuschauerinnen erblicken auf einmal Mr. Darcy in seinem durchnässten Hemd. Sowohl der weibliche Blick auf den fetischisierten männlichen Starkörper als auch das visuelle Spektakel feudaler Häuser und Ländereien haben zur lukrativen Marke Austen entscheidend beigetragen.

 

Typisch für die Autorin, die – selbst in bescheidenen Verhältnissen lebend – in ihrer Korrespondenz oft von ihren Geldsorgen berichtete und die um die potenziell prekäre finanzielle Situation gerade von Frauen wusste, ist der satirische Blick, mit dem sie die höheren Gesellschaftsschichten analysiert und kommentiert. Viele ihrer Figuren leben von ihrem Landbesitz. Befreit von der Notwendigkeit zu arbeiten, haben diese reichen Vertreter des Landadels die Zeit und Musse, sich den angenehmeren Seiten des Lebens zu widmen. Man beschäftigt sich mit Literatur, dem Schreiben und Lesen von Briefen, man unternimmt Spaziergänge und Ausritte, betreibt Konversation, stattet Besuche ab und nimmt teil an Bällen und anderen Vergnügungen. In den Vordergrund treten dabei Fragen von Stil und Geschmack, die Pflege gesellschaftlicher Umgangsformen, aber auch der Austausch von Klatsch sowie das Spinnen von Intrigen. Der Fokus liegt auf einer wohlhabenden Elite, die in ihrer Sonderstellung nicht besser ist als weniger Privilegierte, zumal ihre Mitglieder diverse menschliche Schwächen an den Tag legen.

 

Die jüngste Austen-Verfilmung «Love & Friendship» (2016) des US-amerikanischen Regisseurs Whit Stillman, die auf dem frühen und erst posthum veröffentlichten Briefroman Lady Susan basiert, stellt eine bitterböse Gesellschaftskomödie dar. Lady Susan Vernon ist noch nicht lange verwitwet und befindet sich aufgrund ihrer Mittellosigkeit auf der Suche nach potenziellen Ehemännern sowohl für ihre Tochter als auch für sich selbst, während sie gleichzeitig eine Affäre mit einem verheirateten Lord unterhält. Kate Beckinsale, die im Fernsehen vor zwanzig Jahren bereits die Titelheldin in «Emma» (1996) spielte, verkörpert die Intelligenz und Eleganz der schurkenhaften Heldin mit diabolischem Charme. Mit amoralischer Selbstsicherheit zieht Lady Susan raffiniert die Fäden, während sie mit ihrem doppelzüngigen Wortwitz ihr Umfeld sowohl charmant verführt als auch messerscharf verurteilt.

 

Dank der ungewöhnlichen Heldin kommt «Love & Friendship» als eine köstliche Kapriole daher, die einen gewagteren und absurd-komischeren Ton anschlägt als die meisten Austen-Verfilmungen. In den geistreichen Bemerkungen der Heldin dringt der verbale Witz der Autorin durch. Um ihre listigen Intrigen dem Kinopublikum zu verdeutlichen, aber auch um ihr weibliches Bündnis zu unterstreichen, vertraut sich Lady Susan immer wieder ihrer amerikanischen Freundin Alicia Johnson (Chloë Sevigny) an. In einer überraschenden Wendung heiratet Lady Susan schliesslich einen unglaublich komischen Idioten, der ihre schlauen und gerissenen Doppelspiele garantiert nie durchschauen wird, wohingegen der Ehemann ihrer Freundin – so sind sich die beiden Frauen einig – leider zu alt ist, um sich komplett dem Diktat seiner Frau zu beugen, und dennoch zu jung, um bereits zu sterben.

 

Die weibliche Perspektive ist auch in den bekannten Austen-Romanen und ihren Verfilmungen, welche sich jeweils um die Entwicklung jüngerer Frauenfiguren drehen, zentral. Die Reifung der Heldin besteht beispielsweise darin, dass sie ihre Vorurteile ablegt, ihre Verblendung überwindet und dabei eine Selbsterkenntnis gewinnt, die es ihr erlaubt, das eigene Begehren anzuerkennen. Am Ende dieser Erzählungen, die allesamt dem sogenannten marriage plot folgen, steht die Ehe zwischen zwei ebenbürtigen Partnern, welche die emotionale und moralische Reife der Heldin sowie ihre soziale Verortung in der Gesellschaft symbolisiert.

 

In «Mansfield Park» beispielsweise lernt Fanny Price, die bei ihren bessergestellten Verwandten lebt, über ihre Unscheinbarkeit hinauszuwachsen und dabei sich und ihre moralische Überlegenheit zur Geltung zu bringen. Die weibliche Selbstermächtigung wird von Patricia Rozema in ihrer Version von «Mansfield Park» (1999) zusätzlich betont, indem sie Fanny (Frances O’Connor) zu einer begabten Geschichtenerzählerin und zur Autorin der Jugendwerke Austens macht. Den Schluss des Films markieren sowohl die Heirat mit ihrem geistesverwandten Cousin Edmund Bertram (Johnny Lee Miller) als auch die Publikation ihrer bisherigen Werke.

 

In ihrem Drehbuch für Ang Lees «Sense and Sensibility» (1995) betont Emma Thompson, wie die überschwänglich gefühlvolle Energie von Marianne (Kate Winslet) gedämpft wird, während die von Thompson selbst gespielte Elinor ihre eigenen Bedürfnisse erkennt, welche zuvor von ihrer allzu vernünftigen Haltung verdeckt wurden. In «Pride and Prejudice» gelangt Elizabeth Bennet, die 1940 in der allerersten Austen-Verfilmung von Greer Garson und 2005 von Keira Knightley gespielt wurde, zur Erkenntnis, dass sie ihr falsches Bild von Mr. Darcy revidieren muss.

 

Emma Woodhouse schliesslich, die im ersten Satz des Romans als «handsome, clever, and rich» beschrieben wird, muss sowohl ihre snobistischen Attitüden als auch ihr Allmachtsgefühl in ihren hochtrabenden Fantasien und in ihrer Einmischung in die Herzensangelegenheiten anderer überwinden. Erst als sie ihre Verblendungen ablegt, kann sie ihr eigenes Begehren realisieren. Austen selbst charakterisierte Emma als «a heroine whom no one but myself will much like». Tatsächlich hat die privilegierteste Austen-Heldin viele Fehler. Dass wir als Lesende dennoch Interesse an Emma haben und sie vielleicht sogar mögen, hat mit Austens innovativem Einsatz der erlebten Rede zu tun – einem Stilmittel, welches dem Text erlaubt, zwischen der ironischen Erzählstimme der Autorin einerseits und der Perspektive und Gefühlswelt der Heldin andererseits hin- und herzuwechseln.

 

Diese Ambivalenz gegenüber der Heldin wird in Amy Heckerlings «Clueless» (1995), dem möglicherweise kongenialsten Update von «Emma», besonders deutlich. Auf gnadenlose Weise teilt Alicia Silverstone in ihrer Rolle als Cher die Schülerschaft an ihrer High School in Beverly Hills aufgrund ihrer Stil-Haltungen in verschiedene soziale Gruppen ein. Als sie später auf einem verlassenen Parkplatz von einem Dieb mit einem Revolver überfallen und ausgeraubt wird, weigert sich Cher zunächst, sich bäuchlings auf den Boden zu legen, damit er sich aus dem Staub machen kann. Denn ihr Kleid, so begründet sie, sei von Alaïa, einem «totally important designer», worauf ihr der Dieb entgegnet: «And I will totally shoot you in the head.»

 

Dieser Austausch unterstreicht, wie sehr Cher in einer Blase des verwöhnten Reichtums eingeschlossen ist, ohne ein Bewusstsein für die Welt zu haben, in welcher der Grossteil der Menschheit lebt. Gleichzeitig stehen wir auf der Seite von Heckerlings Heldin, wenn diese einer College-Studentin, die glaubt, «Hamlet» besser zu kennen, korrekt entgegenhält, sie könne sich ganz genau erinnern, was Mel Gibson in der Verfilmung des Stücks gesagt habe. Die Szene verdeutlicht, dass sowohl Shakespeare als auch Austen dank des Kinos und seiner Stars definitiv zu Pop-Phänomenen geworden sind.

 

Nicht zufällig wurde man im Kontext der Finanzkrise und der wieder wachsenden ökonomischen Ungleichheit in der westlichen Welt erneut auf Austen aufmerksam. Wie der französische Star-Ökonom Thomas Piketty betont, betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen zur Zeit von Austen 30 Pfund. Ihre Figuren benötigen mindestens das Zwanzig- bis Dreissigfache, um sich ein einigermassen komfortables Leben mit eleganten Kleidern, Büchern, Musikinstrumenten, Fortbewegungsmitteln und einem Minimum an Bediensteten leisten zu können. Dieses Einkommen konnte damals nicht durch Arbeit, sondern nur durch Erbschaft und Heirat erreicht werden. Deshalb beeinflusst Geld bei Austen die Beziehung zwischen den Generationen, aber auch die Position und Abhängigkeit der Frau auf entscheidende Weise.

 

In «Sense and Sensibility» erbt John Dashwood ein Anwesen, das jährlich 4000 Pfund abwirft. Trotz seinem opulenten Reichtum und dem Versprechen, das er seinem Vater auf dem Sterbebett gab, tritt er seiner Mutter und seinen drei Halbschwestern lediglich 500 Pfund pro Jahr ab, was diesen einen erniedrigenden Lebenswandel aufzwingt und die jungen Frauen eigentlich vom Heiratsmarkt ausschliesst. Dass die Bank of England ab 2017 ein Porträt von Jane Austen auf der Zehn-Pfund-Note abbilden wird, ist besonders passend. Austens Romane beziehen sich nie direkt auf Ereignisse in der realen Finanzwelt, doch die Geldfrage ist in ihrem Universum – und so auch in der jüngsten Verfilmung «Love & Friendship» – allgegenwärtig.

 

Barbara Straumann, Assistenzprofessorin mit Tenure Track am Englischen Seminar der Universität Zürich, forscht u.a. zu Celebrity Culture, Gender, Film, dem langen 19. Jahrhundert sowie zu Literatur und Ökonomie.

 

Sie führte ein unauffälliges Leben, doch ihre Werke finden bis heute zahlreiche Leserinnen und die Verfilmungen locken Scharen von Begeisterten ins Kino: Jane Austen gilt als  brillante Satirikerin, ihre sechs Romane zählen zur Weltliteratur. 17 Kinofilme und 25 Fernsehadaptionen wurden gedreht, viele davon preisgekrönt. Für die legendäre BBC-Serie «Pride and Prejudice» sollen Engländer auf dem Nachhauseweg Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit riskiert haben. Nur um zu erleben, wie Mr. Darcy Elizabeth Bennet anbetet. Wir laden Sie im Dezember in die Welt der verstohlenen Blicke, der galanten Hofknickse und eleganten Konversation. Schmachten Sie mit!